Veröffentlichungsdatum Geschrieben von Simon
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Vorwort:

 

Im ersten Teil dieses Exkurses haben wir uns mit dem theoretischen Konstrukt von Horace Ford über den Zielvorgang beim Bogenschießen beschäftigt. Ich beim recherchieren, lernen, schreiben und korrekturlesen für euch, und ihr als interessierte Leser, Lernende und Freunde.

 

Dieser Text war, gut 100 Jahre nach Isaac Newtons Tod, die durchdachteste Schilderung des Zielens. Den nächsten Sprung in der Kenntnis darüber kommt erst später mit der Messung und Beschreibung des Spines. Die Grundlage dafür schaffte man erst 1938, indem man mit einer 4000fps Slow-Motion-Kamera mehrere Meisterschützen filmte.

 

 (beispielhafte Aufnahme)

 

Wie man sieht, biegt sich die Mitte des Pfeilschafts erst zum Griff hin, also in den Bogen hinein, und dann wieder hinaus, sodass auch das hintere Drittel des Pfeils gut um den Bogengriff herum kommt … wenn der Spine passt. Den Spine kennen wir alle natürlich, ich möchte dies nur in Erinnerung rufen.

 

 

 

Hauptteil:

 

Nun … wie haben sie es denn damals hinbekommen, ohne Kenntnis vom Spine dort zu treffen, wohin sie auch gezielt haben? Und zwar mit dem zweitlängsten Reiterbogen der Welt, dem Langbogen von dieser Insel vor Holland, wo sie Pommes in Essig ertränken, so wie mit allen anderen Reiterbögen auch. Also eigentlich allen Bögen. Keine Ahnung, wer da immer das Wort „Reiter“ davorschreiben muss. Vermaledeite Fußgängerdiskriminierung! Schämen soll man sich dafür!

 

Bisher haben ich dafür 3 Methoden ausmachen können, die nicht nur allein, sondern auch überschneidend zum Erfolg führen können:

 

 

1. Gewohnheit

 

Warum sollte man Pfeile bauen, die kacke fliegen? Klar, das macht keinen Sinn. Das passt sich schon durch Versuch und Irrtum an.

Beim Scheiben-Elb gab es dazu bei Ford eine Stelle (Link geht zu archerylibrary.com), wo ich schmunzeln musste. Er verglich drei Pfeile. Der Erste zylindrisch, der Zweite verjüngt sich gleichmäßig von der Spitze zur Nocke, und der Dritte verjüngt sich von der Nocke zur Spitze. In Fords Logik zeigt der, links angelegte, zweite Pfeil, im Vollauszug weniger weit nach links, als auf Standhöhe, weshalb er ja nach rechts fliegen müsse. Der dritte Pfeil mit der dickeren Nocke, müsse wegen des selben Phänomens nach links fliegen, und nur der zylindrische Pfeil könne daher treffen.

 

Wir verstehen das sicher ne ganze Ecke anders. Der vorne dickere Pfeil hat vorne halt mehr Holz, reagiert daher etwas weicher, als ob er mehr Spitzengewicht hätte, (dynamischer Spine halt) und daher fliegt er – auf der falschen, linken Seiten angelegt – halt nach rechts, wenn alle drei Pfeile den gleichen statischen Spine hatten. Der vorne dünnere reagiert halt steifer, als ob er eine leichtere Spitze hätte, und fliegt deshalb nach links, und … tja … der zylindrische Pfeil passt halt.

 

Ich find es fraglich, ob man annehmen sollte, dass die Schützen damals nicht in der Lage gewesen sein sollen, ihre Pfeile zu sortieren und auszuschießen. Der (dann halt zufällig) passende Pfeil wird behalten, und die Übrigen nimmt halt wer anders.

 

 

 

2. Zuggewicht

 

Damals waren Reflexbögen Waffen. Entweder zur Jagd, oder für den Kriegszweck. Damit der Pfeil auch seinen Zweck erfüllen kann, braucht es einen starken Bogen. Eine schöne Übersichtstabelle liefert dafür Adam Karpowicz. Der Mittelwert der osmanischen Bögen, die er untersuchte, lag bei 105lbs/48kg/480N. Bei mongolischen Bögen gibt es weniger Erhaltenes. Nimmt man den Jarglantbogen, der von Joachim Rutschke rekonstruiert wurde als Basis, so erhält man errechnete Werte von bis zu 110lbs/50kg/500N (Ömnögov-Bogen 11.Jh).

 

Behaupten wir einfach mal, dass ein Pfeilschaft passen würde, der einen statischen ATA-Spine von 100lbs hätte. Dieser hätte eine Durchbiegung von 6,6mm, bei der gängigen Messmethode. Ein 105er hätte 0,7mm weniger Durchbiegung, als der 95#er Pfeil.

 

Bei einem 40# Pfeil sähe das wie folgt aus: der 40# Pfeilschaft hätte 1,65cm Durchbiegung und zwischen dem 35# Pfeil und der 45# Pfeil lägen 4,5mm Unterschied in der Durchbiegung. Also das Sechsfache.

 

Daraus schließe ich folgendes: Je steifer der Pfeil ist, desto schlechter messbar wird der statische Spine, und je weicher der Pfeil ist, desto spürbarer wird der Unterschied im Spine.

Daher wird ein starker Bogen eine größere Streuung im Spine erlauben, als ein schwächerer.

Darum kann ich gut nachvollziehen, dass es für starke Bögen wohl völlig ausreicht, die Schäfte zu wiegen, um dabei gleichzeitig auch Pfeile zu erhalten, die einen ähnlich genugen Spinewert aufweisen.

 

(Zusätzlich wurden die Pfeile meist gebarrelt, also im vorderen und hinteren Drittel verjüngt. Dies erhöht die Toleranz im Spine noch etwas.)

 

 

 

3. Schießtechnik

 

Nun gibt es Möglichkeiten, mit Hilfe der Schießtechnik den Effekt des Spines auf den Pfeilflug zu reduzieren. Dazu möchte ich aus einem deutschen Handbuch für das sportliche Schießen mit dem englischen Langbogen zitieren. Der Autor empfiehlt tendenziell die schwereren Schäfte, oder sogar, sich welche aus Eschenholz, statt Kiefer, fertigen zu lassen, da diese haltbarer sind. Nun wissen wir alle, dass ein schwerer Schaft tendenziell auch steifer ist. Und ja, dieses Handbuch ist auch aus der Zeit, bevor man den Spine kannte.

(Dieser Text wurde um 1920 geschrieben und weicht daher von der neuen deutschen Rechtschreibung ab. Wär doch schade um das altbackene Flair. )

 

„Wenn man den Bogen mit der linken Hand senkrecht hält, den Pfeil in der geeigneten Weise mit der Kerbe auf die Sehne paßt und an die linke Seite des Bogens legt, so macht er mit der Mittelebene des Bogens einen Winkel. Zieht man die Sehne mit dem Pfeil zurück, so wird der Winkel immer kleiner. Läßt man nun die Sehne los, so muß der Pfeil alle Lagen durchmachen, die er beim Zurückziehen gehabt hatte und verläßt den Bogen in einem beträchtlichen Winkel mit der Lage in der er gezielt wurde. Er machte alle diese Langen in außerordentlicher Geschwindigkeit durch, so daß sein Schwerpunkt einen Bogen beschreibt. Er wird daher, losgelassen nicht in der Richtung fliegen, in der er zuletzt am Bogen liegt, sondern in der Tangente des Bogens, den der Schwerpunkt beschrieb, mehr dem Ziele zu. Er fliegt aber nicht nicht in der Richtung, in der er gezielt war, sondern nach links. - Während er durch die zurückschnellende Sehne an die Linke Seite des Bogens gepreßt wird, drängt er diesen nach rechts und mit ihm die haltende Hand samt dem Arm, die beide durch die Empfindung geleitet, nachgeben, so daß der Bogen nach dem Schuß weiter rechts gehalten wird, als beim Zielen. Dadurch tritt eine weitere Verbesserung in der Richtung ein, aber die Flugrichtung des Pfeils ist immer noch links vom Ziel, wenn man nicht etwa sehr schnell mit dem linken Arm nach rechts gefahren ist. Daher kommt es, daß jeder Anfänger links vorbeischießt und auch der Geübtere hat eine Neigung dazu, zumal bei dicken Bogen.

Vorausgesetzt war bei der vorhergehenden Betrachtung, daß die Sehne in der Mittelebene des Bogens zurückgezogen worden ist, wie es ja naturgemäß zu sein scheint. Der Pfeil soll nun aber nicht nach links vorbei fliegen, sondern in der gezielten Richtung. Dies kann nur geschehen, wenn die Sehne beim Zurückschnellen in der Richtung des Pfeils bewegt, nicht in der Mittelebene des Bogens. Um dies zu erreichen, wird die Sehne in der Richtung des am Bogen liegenden Pfeils zurückgezogen, also nach rechts. Sie schlägt dann in derselben Richtung zurück und treibt den Pfeil in dieser der gezielten Richtung vorwärts, vorausgesetzt, daß die Bogenhand an ihrer Stelle bleibt. Damit der Pfeil in der gezielten Richtung bleiben kann, muß er also in dieser Richtung bereits zurückgezogen worden sein. Diese Art zu ziehen ist nur möglich, wenn der Bogen mit der linken Hand mit steigendem Zuge immer fester zuletzt s e h r fest gehalten wird, da er sich sonst drehen würde. Da nun aber die Haut im Innern der Hand etwas nachgibt, so dreht er sich trotz Festhaltens etwas, wenn er stark ist und darum ist es gut, den Pfeil vor Beginn des Zuges lieber etwas nach rechts vom Ziel deuten zu lassen als unmittelbar darauf.“

 

Diese Zeilen sind aus dem Buch „Das Bogenschießen“ von Dr. (med.) Mylius.

 

Die Techniken aus Daumentechnik-Quellen brauche ich hier ja nicht aufführen, die kennt ihr eh alle.

 

 

 

3.5 Bonus

 

Und dann wäre da noch Arab-Archery, das Buch rockt einfach. Kapitel 28: „Wenn der Pfeil wedelt, kann das folgende Ursachen beim Pfeil haben: Pfeilspitze zu schwer und -Schaft zu leicht oder Pfeilspitze zu leicht und -Schaft zu schwer.“

Spine halt. 4 Jahrhunderte vor der 4000fps Kamera.

 

 

 

Spine oder nicht Spine, das ist halt die Frage. Möge jeder mit seiner eigenen Antwort für sich dabei erfolgreich sein!

 

Simon